Wo keine Bäckerei, da kein Bäcker

Als Blogger brauche ich nicht zwingend eine Leserschaft, so wie ein König nicht zwingend einen Staat braucht – jeder kann sich «Tagebüchler» nennen oder zum Herrscher über Nomansland ernennen. Dennoch bleibt eine Rolle oder Eigenschaft, die ich mir selbst zuschreibe, aber keine Resonanz in der Gesellschaft findet, existenziell wertlos. 
Ich kann mich zwar im Spiegel betrachten, mich als attraktiv beurteilen und davon ausgehen, dass das Spieglein an der Wand mir die «Wahrheit» ins Gesicht zeigt. Wenn sich aber kein Mensch zu mir hingezogen fühlt, fällt dieses Selbstbild, zumindest beim reflektierten Menschen, in sich zusammen. Ich bin gezwungen, dieses zu revidieren – sofern ich ein interagierendes Mitglied der Gesellschaft sein will. Oder aber, ich zwinge der Gesellschaft mein eigenes Bild auf – so wie es etwa Autokraten, Sektenführer und sonstige «Selbsterwählte» zu tun pflegen.

Sobald aber beispielsweise ein autokratischer Präsident nicht mehr gewählt, d.h. sein konstruiertes und suggeriertes Welt- und Selbstbild vom Volk nicht mehr bestätigt wird, fällt auch dieses in sich zusammen. Ohne den Spiegel und damit die Bestätigung der Gesellschaft schwebt mein Selbstbild orientierungslos im koordinatenlosen Raum.

Kurz und konkret: Ich kann mich entscheiden und alles dafür tun, um die Rolle des Dorfbäckers einzunehmen. Aber erst wenn meine Brote in der Dorfgemeinschaft nachgefragt bzw. verkauft und meine Rolle damit bestätigt wird, wird mein Wunsch, Bäcker zu sein, Wirklichkeit. Vorher backe ich einfach Brote – bleibe aber brotlos.

Identität, Berufung und die Erfahrung der Brotlosigkeit

Ob ich nun Bäcker, Journalist oder Designer bin, spielt letztlich keine Rolle. Wenn ich mit meiner «Berufung» keine Brote verdienen kann, verliere ich damit nicht nur meine wirtschaftliche, sondern auch einen Teil meiner Identitätsgrundlage.
Nach einiger Zeit der Brotlosigkeit folgt oft eine Selbstfindungsphase: Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht in gewohnter Weise am Morgen ins Büro fahre, meine Rolle einnehme, mich ins Gefüge einpasse und ständig etwas unter Stress stehe, weil mein «unverzichtbarer» Beitrag bereits erwartet wird? Wenn Sie sich nicht als Meister einer fernöstlichen Meditations- oder Achtsamkeitspraxis ausweisen können, stehen Sie schon fast unter Fremd- und oft auch Eigenverdacht, zu wenig Output zu liefern, wenn Sie nicht zumindest etwas gestresst wirken.
Ein Jobloser ist also gewissermassen gestresst, dass er nicht gestresst ist – oder anders ausgedrückt: er ist gestresst, weil sich eine Nachfragelücke nach seinem Beitrag an die Gesellschaft auftut, die häufig mit existenziellen Fragen einhergeht. Diese Fragen können einen grundlegenden Richtungswechsel zur Folge haben.

Vom Mangel zur Tugend

Nicht wenige erfolgreiche Menschen haben aus der Not eine Tugend gemacht. Nikola Tesla, der bekannte Namensgeber der Firma Tesla, die ihren CEO Elon Musk durch Aktienoptionen womöglich zum ersten Billionär (Tausendmilliardär) der Weltgeschichte machen wird, war zeitweise ohne feste Anstellung und arbeitete als Tagelöhner im Strassenbau, bevor er Unterstützung fand und mit seinen Erfindungen später berühmt und wohlhabend wurde.
Die Autorin J.K. Rowling lebte von der Sozialhilfe, bevor ihr mit dem ersten Harry-Potter-Band der weltweite Durchbruch gelang und sie zur reichsten Autorin der Welt avancierte. Das sind beeindruckende Erfolgsstories, die inspirieren und zuversichtlich stimmen können.

Fazit

Aber bis es so weit ist, lebt ein Jobloser mit der Ungewissheit, ob seine Brote auf dem Markt jemals wieder gefragt werden. Und – kaufen Sie ihr Brot noch beim Dorfbäcker, wenn Sie es beim Discounter zu einem Viertel des Preises kaufen können…?

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