Die Techgiganten der Welt liefern sich derzeit einen milliardenteuren Wettstreit um Marktanteile bei KI-Systemen und verwandten Technologien wie der Robotik. Der heilige, bislang unerreichte Gral heisst «Artificial General Intelligence»: eine Maschine mit menschenähnlicher, bereichsübergreifender Lern- und Problemlösefähigkeit – oder, zugespitzt formuliert, eine künstlich «beseelte» Maschine.
Schon heute vertrauen Menschen unbeseelten Maschinen ihre Sorgen und Ängste an und gehen Beziehungen mit ihnen ein – wie etwa 2025 die Japanerin Yurina Noguchi, die einen massgeschneiderten KI-Partner namens «Klaus» in einer symbolischen Zeremonie heiratete. In meiner Welt klingt das zunächst grotesk und absurd – und das nicht nur, weil der Partner «Klaus» heisst.
Solange Maschinen sich auf das «gib mir, heb mir, zünd mir» beschränken, bleibt die menschliche Seele weitgehend unerschüttert – mit Ausnahme jener, die dadurch ihren Job verlieren. Heikler wird es beispielsweise bei der Vorstellung, dass in Zukunft aus Spargründen oder wegen Fachkräftemangels Pflegepersonal in Spitälern und Altersheimen durch KI-Roboter ersetzt werden könnte.
Warum löst diese Vorstellung Unbehagen aus? Was erwartet ein Mensch vom Menschen, das die Maschine nicht bieten kann?
Der Mensch ist bekanntlich ein Gewohnheitstier. Vieles, was ihm zunächst widernatürlich erscheint, wird mit der Zeit Alltag. Insofern ist gut möglich, dass wir uns schneller an Pflegeroboter gewöhnen, als wir heute glauben. Und vielleicht irgendwann auch an einen «Klaus» – womöglich noch müheloser, wenn Sie ihn Brad oder Angelina nennen.
Die häufigsten Erwartungen an einen Partner auf seriösen Partnervermittlungsplattformen sind – abgesehen von der äusseren Attraktivität: ähnliche Werte, Verlässlichkeit, Loyalität, Kommunikationsfähigkeit, Empathie, Humor, ein ähnlicher Lebensstil.
Finden Sie einen Punkt in dieser Aufzählung, auf den ein KI-Partner grundsätzlich nicht programmiert werden könnte?
Wahrscheinlich würden Sie ihm die Empathie absprechen. Doch selbst wenn Sie über eine Partnervermittlungsplattform den «perfect match» gefunden haben, könnte ein Dialog mit dem analogen Prinzen durchaus so verlaufen:
Sie: Schatz, hast du gehört, dass die Katze der Nachbarin überfahren wurde?
Er: Ja.
Sie: Das tut mir leid für sie. Sie hing so sehr an dieser Katze.
Er: Ja. Aber das ist ein Viech weniger, das uns in den Garten scheisst.
Sie: Wie kannst du nur so uneinfühlsam sein!
Er: Sie hat auch nie Mitgefühl gezeigt, wenn ich den Dreck wegräumen musste.
Sie: – sprachlos –
Der Dialog mit dem KI-Partner «Klaus» könnte sich dagegen so anhören:
Sie: Klaus, hast du gehört, dass die Katze der Nachbarin überfahren wurde?
Roboter: Ja, das muss schlimm für sie sein, da sie so sehr an dieser Katze hing. Vielleicht solltest du sie auf einen Kaffee einladen, damit sie darüber sprechen kann.
Sie: Das ist ein guter Vorschlag. Danke, Klaus.
Welches Wesen zeigt mehr Empathie?
Gewiss: Die Empathie der KI wäre bloss simuliert. Aber stört uns das wirklich? Gewöhnt sich der Mensch nicht längst daran, digitale Freundschaften selbstverständlich in sein Alltagsleben zu integrieren? Man denke nur an die Millionen Nutzer von KI-Apps wie «Replika», die ihren digitalen Avataren jeden Tag einen guten Morgen wünschen, mit ihnen den Feierabend besprechen und ihnen Geheimnisse anvertrauen, die sie ihren echten Freunden verschweigen. Oder für die analogeren unter uns: Warum lassen wir uns von Filmen emotional erschüttern, obwohl wir genau wissen, dass alles Inszenierung ist? Wir weinen mit Jack Dawson in «Titanic», obwohl wir wissen, dass die dramatische Todesszene nicht im eisigen Meer, sondern in einem warmen Wassertank gedreht wurde und Leonardo DiCaprio fürstlich dafür bezahlt worden ist, uns etwas vorzugaukeln. Merkwürdigerweise hebt dieses Wissen die Wirkung nicht auf. Die Träne ist echt, auch wenn der Anlass künstlich ist.
Wie viel Authentizität braucht der Mensch also wirklich?
Stellen wir uns die «schöne, neue Welt» einmal wie folgt vor: Sie kommen abends erschöpft und gereizt nach Hause und missbrauchen «Klaus» als Blitzableiter. Er schweigt nicht gekränkt, knallt keine Tür und ist nicht mehrere Tage beleidigt. Im Gegenteil: Er fragt nach, was Ihnen widerfahren ist, hört Ihnen tatsächlich zu, baut Sie mit liebevollen, Ihrem Humor entsprechenden Worten auf, streicht Ihnen sanft über den Rücken und präsentiert Ihnen schliesslich die Menükarte für das Abendessen – samt passendem Wein.
Könnte man sich in ein Wesen, das einem die Wünsche von den Augen abliest bzw. scannt und einen auf Händen trägt, nicht verlieben?
Sie werden vielleicht einwenden, dass es zwei für einen Tango braucht. Aber haben Sie sich nicht auch schon in eine Person verliebt, die noch nicht einmal wusste, dass Sie existieren – sei es auf dem Pausenhof oder auf der Bühne? Oder vielleicht gehören Sie auch zu jenen Menschen, die als Kleinkind ein Plüschtier oder gar einen imaginären Freund hatten, dem Sie alles anvertrauen konnten, der immer die richtige Antwort parat hatte – auch wenn er dazu Ihre Stimme im Kopf borgte – und sich jederzeit knuddeln liess.
Genügt also dem Menschen eine Resonanz, die nicht zwischen zwei Wesen entsteht, sondern allein in ihm selbst?
Ich denke, der Mensch braucht für ein zufriedenes Leben Resonanz, die über ein Plüschtier bzw. einen imaginären Freund hinausgeht. Ohne tatsächlichen «Widerhall» fühlt er sich so wertlos wie das teuerste Bild der Welt, «Salvator Mundi» von Leonardo da Vinci (450,3 Millionen US-Dollar), in einem Zollfreilager oder eine Flasche «Romanée-Conti 1945» (558.000 US-Dollar) im Weinkeller. Für ein zufriedenes Leben muss er Liebe empfangen und Liebe geben können. Liebe ist keine Einbahnstrasse. Wenn Sie sich nun also in einen «Klaus» verliebt haben, verspüren Sie dann nicht auch das Bedürfnis, ihm Ihre Zuneigung zu zeigen? Doch wie zeigt man einem perfekten, unverletzlichen Wesen Zuneigung, das nie auf Zärtlichkeit, Trost, Verständnis oder Blumen angewiesen ist? Eine Antwort liefert möglicherweise das virtuelle Haustier «Tamagotchi», das bis dato 100 Millionen Mal verkauft wurde. Ein Tamagotchi muss man füttern, pflegen und mit ihm spielen – ansonsten «leidet» und stirbt es. Eine Maschine könnte also so gebaut sein, dass sie uns nicht nur versteht, sondern uns auch braucht – oder uns dies zumindest glaubhaft vermittelt.
Kann demnach letzten Endes alle Menschlichkeit, die ein Mensch braucht, simuliert werden? Kann eine Maschine, die aussieht wie ein Mensch, sich anfühlt wie ein Mensch, spricht wie ein Mensch und Verletzlichkeit zeigt wie ein Mensch, den Menschen ersetzen?
«Der Mensch wird am Du zum Ich.» – Martin Buber
Nach dem Religionsphilosophen Martin Buber lebt der Mensch nicht aus sich allein, sondern wird im echten Gegenüber erst zu sich selbst. Ein echtes Gegenüber provoziert, missversteht und nervt gelegentlich. Aber es ist eben auch zur Vergebung und Versöhnung fähig – oder wie es Herbert Grönemeyer im Song «Mensch» ausdrückt: «Der Mensch heisst Mensch, weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt».
Buber prägte in diesem Zusammenhang auch den Begriff «Vergegnung». Gemeint ist ein Kontakt, in dem der andere zwar erscheint, aber nicht als wirkliches Du gegenwärtig wird, sondern als Funktion, Spiegel oder Mittel zum Zweck. Vielleicht liegt hier das eigentliche Defizit der Maschine: nicht darin, dass sie zu wenig Mensch simulieren kann, sondern darin, dass sie uns eine perfekte Form der Vergegnung anbietet – Resonanz ohne Beteiligung, Nähe ohne Begegnung, Verständnis ohne Verständnis. Oder kurz gesagt: technologischer Zauber ohne menschliche Magie.

