Anleitung zum Wiederauffinden der verlorenen Zeit

Ob Sie Zeit verloren oder gewonnen haben, entscheidet sich erst am Ziel. Doch je mehr Zeit auf der Strecke bleibt, desto grösser ist die Chance, sie später wiederaufzufinden. Eine Beweisführung:

Das Ziel ist der Weg

Wenn Sie die Strecke von Thun nach Bern im Auto zurücklegen, erreichen Sie das Ziel in ungefähr 30 Minuten. Wenn Sie die gleiche Strecke entlang der Aare wandern, erreichen Sie das Ziel nach 6–8 Stunden. Ein passionierter Wanderer wird einwenden, dass das Ziel, das Ziel zu erreichen, nicht zielführend ist – denn in Einklang mit einer oft Konfuzius zugeschriebenen Weisheit gilt: Der Weg ist das Ziel. Ansonsten würden Sie bei einer Rundwanderung an Ort und Stelle treten.

Das Ziel ist auswegslos

Haben Sie sich ein Leistungsziel gesetzt, etwa die Strecke von Thun nach Bern in 6 Stunden zurückzulegen, tatsächlich aber 6 Stunden und 30 Minuten benötigen, dann haben Sie auf der Strecke 30 Minuten verloren. Sollte Ihr Ziel nur darin bestehen, die Strecke in möglichst kurzer Zeit zurückzulegen, haben Sie gegenüber der Fahrt mit dem Auto sogar 6 Stunden verloren. Müssen Sie von Thun nach Bern fahren, um an einer Sitzung teilzunehmen, die ebenso gut online hätte stattfinden können, dann haben Sie auch mit dem Auto 30 Minuten verloren.

Das Ziel ist zeitlos

Falls sich die Sitzung als unnötig erweist und ausfällt und Sie stattdessen von Thun nach Bern wandern können, dann haben Sie 6–8 Stunden gewonnen. Wenn Sie diese gewonnene Zeit in schöner Erinnerung behalten, können Sie sie während der verlorenen Zeit in einer künftigen zeitfressenden Sitzung gedanklich vergegenwärtigen.

Das Ziel ist sinnlos

Sitzungsleiter: Meine sehr verehrten Anwesenden, die gute Nachricht vorweg: Wir sind in fast allen Lebensbereichen effizienter und schneller geworden! Die schlechte Nachricht: Wir haben dabei sehr viel Zeit verloren. Gemäss der diesjährigen Umfrage in der Bevölkerung haben wir wiederum gefühlte 7,8% der Zeit gegenüber dem Vorjahr verloren. Wenn das so weitergeht, werden wir bald überhaupt keine Zeit mehr haben. Erste Lösungsvorschläge?

Physiker: Wenn wir die Sitzung in den Keller verlegen, verlieren wir wegen der gravitativen Zeitdilatation 0,078 Nanosekunden weniger Zeit.

Neurowissenschaftler: Die Empfindung von Gegenwart dauert in etwa drei Sekunden. Warten wir also zunächst ab, was die Zukunft bringt.

Captain Kirk: Wir sollten diese Sitzung auf Warp beschleunigen. Dann wären wir durch, bevor die Gegenwart begonnen hat.

Politiker: Ich sehe kein Problem. Unsere Mühlen mahlen langsam genug.

Manager: Tut mir leid, ich muss los.

Banker: Wir könnten Time-Default-Swaps gegen Zeitverlust emittieren. Dafür verbriefen wir die permanente Zeitknappheit von Managern mit dem Zeitüberschuss von Pensionären. Mit der demografischen Alterung wird das ein babyboomendes Geschäft.

Nationalbanker: Mit einem tieferen Zeitzins könnten wir die Zeitmenge ausweiten und eine Zeitinflation auslösen. Eine verlorene Stunde wäre dann nur noch 45 Minuten wert.

Fisch: Wenn wir die Wochentage abschaffen, bleibt die Zeit beim Sonntag stehen. Wir Fische machen das so.

Sitzungsleiter: Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung, aber soeben erreicht uns die Nachricht, dass erneut Zeit tot aufgefunden wurde.

Zeittotschläger: Ich liebe diese Sitzungen.

Zeitwanderer:  – gedanklich abwesend –

Zeitgeist: Zeit ist Geld. Ich erwarte eine zeitnahe Lösung – und zwar bis gestern. 

Zauberlehrling: Die Zeitgeister, die ihr rieft, werdet ihr nun nicht mehr los.

 

Fazit: Sie sind am Ziel. Ob Sie beim Lesen dieses Textes Zeit verloren oder gewonnen haben, hängt davon ab, ob Sie ihn in guter Erinnerung behalten. Falls ja, wird er Sie vielleicht während einer unnötigen Sitzung gedanklich wiederfinden. So oder so: Danke für Ihre Zeit!

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