Vom Wahren, Guten und Schönen – oder wie wir mit Weckern Wirklichkeit schaffen

Der antike Philosoph Platon unterschied sinngemäss zwei Arten der Wirklichkeit

Die mit unseren Sinnen zugängliche Wirklichkeit: Sie ist ständig im Wandel, unvollkommen und letztlich nur ein Abbild der eigentlichen Wirklichkeit.

Die unseren Sinnen unzugängliche, eigentliche Wirklichkeit: Der «Ideenhimmel», der die Urbilder umfasst, auf die sich alle Abbilder beziehen. Sie sind unveränderlich und vollkommen – oder anders ausgedrückt: wahr, gut und schön. Ein Beispiel ist der Kreis – also die vollkommene, mathematisch exakte Kreisform: Er ist das Urbild. Alle konkreten Kreise, die wir zeichnen oder in der Welt sehen (Rad, Münze, Teller), sind nur Abbilder dieses vollkommenen Kreises: immer leicht ungenau, materiell, vergänglich, aber erkennbar als «Kreis», weil sie an der Idee des Kreises teilhaben.

Nun, angenommen Platon läge richtig, wie kommen wir dann dem Urbild einer Idee bzw. der Wahrheit am nächsten?

Illusorischer Wahrheitseffekt

In Polit-Sendungen wie der «Arena» auf SRF hört man Politiker:innen gegenüber ihren Kontrahenten oft sagen: «Nur weil Sie diese Unwahrheit ständig wiederholen, wird sie deshalb nicht wahrer».

Das ist nur zum Teil wahr. Denn auch wenn die Unwahrheit durch Wiederholung inhaltlich nicht wahrer wird, so wird sie eben doch als wahrer empfunden. Das verdanken wir dem illusorischen Wahrheitseffekt. Diverse Studien zeigen, dass Vertrautheit rationales Denken überlagern kann, und dass das wiederholte Hören einer Aussage dazu führen kann, dass sie als wahr empfunden wird. Dem sind sich die Politiker:innen bewusst und werden deshalb nicht müde, die gleiche Aussage gebetsmühlenartig zu wiederholen, sei es zum Thema Krankenkassenprämie, Migration, Klimaerwärmung oder zum Wecker: «Die FDP setzt sich für all jene ein, die sich morgens den Wecker stellen.» Wortgetreu heisst das, dass die FDP sich für die Leute einsetzt, die Nachtschicht leisten und den Wecker erst «morgens» stellen. Ist das wahr? Kaum.

Jedem Arbeitsplatz einen Menschen

Ist es wahr, dass die gleiche Partei sich dafür einsetzt, dass jeder Arbeitsplatz einen Menschen hat, aber nicht dafür, dass jeder Mensch einen Arbeitsplatz hat? Das sei hier nicht behauptet, aber möglicherweise wahrer. Es dürfte der Wahrheit auch recht nahekommen, dass sich in der Schweiz mit dem Argument drohender Arbeitsplatzverluste ein grosser Teil der Abstimmungen gewinnen lässt. Ist das eventuell auf den illusorischen Wahrheitseffekt zurückzuführen? Also darauf, dass dieses Argument uns aus unzähligen Abstimmungen so vertraut erscheint, dass es ungeachtet der objektiven Wahrheit als wahr empfunden wird?

Und was können wir tatsächlich verifizieren, wenn wir mit unseren Sinnen keinen Zugriff auf Platons Urbilder der Wirklichkeit haben?

Thomas-Theorem

Die Antwort ist womöglich naheliegender, als Sie denken. Man denke nur an die Klopapierkrise (es gibt eigens einen Wikipediaeintrag) während der Coronapandemie. Angeblich hätte zu keiner Zeit der Pandemie eine Klopapierknappheit bestanden. Weil aber einige Leute dachten, dass andere Leute dachten, dass eine Knappheit herrsche, kam es zu Hamsterkäufen, sodass tatsächlich zeitweise eine Knappheit (in den Regalen) bestand.

Hier kommt ein weiteres psychologisches Phänomen ins Spiel: das Thomas-Theorem. Das von den Soziologen William Isaac Thomas und seiner Frau Dorothy entwickelte Theorem besagt: «Situationen, die für real gehalten werden, sind in ihrer Konsequenz real.»

Fazit

Abstimmungen schaffen in einer Demokratie eine Realität. Ob die geschaffene Realität und ihre Konsequenzen dem wahren Urbild entsprechen und damit schön und gut sind, bleibt letztlich ein Geheimnis im «Ideenhimmel».

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