«Stell dir vor, es gibt Labels – und keiner geht hin.» Im Original ist an dieser Stelle bekanntlich vom Krieg die Rede. Aber steht nicht auch am Anfang jeden Konflikts die Etikettierung der Welt: Ost gegen West, Gut gegen Böse, Wir gegen Die? Wir definieren uns als -isten, leben und leiden in -schaften und schlagen uns für -ismen den Schädel ein. Labels geben Orientierung, stiften Identität und schaffen Zugehörigkeit. Gleichzeitig grenzen sie teilweise unbarmherzig aus. Sind Labels also gut oder schlecht? Um an dieser Stelle nicht gleich schwarz-weiss zu labeln, bediene ich mich einer häufigen Antwort von Experten: Es kommt darauf an…
Labels der Identität: -ist
Kurz nach der Geburt beginnen Formulare damit, eine Identität in präzise ankreuzbare Kästchen zu zwingen. In meiner Kindheit gab es bei Geschlechtsangaben lediglich die Auswahl zwischen «männlich» und «weiblich». Ich kriegte das Kreuzchen bei «männlich» – und hatte das Glück, mich in meinem Körper richtig zu fühlen. Ohne den Begriff damals überhaupt zu kennen, war ich damit als «Cis-Mann» gelabelt. Die Frage nach der Konfessionszugehörigkeit habe ich zwar formal, inhaltlich jedoch lange nicht verstanden. Erst nach einigen Geschichtsstunden habe ich begriffen, worauf die Frage abzielt. Sie erschien mir deswegen nicht sinnvoller. Obwohl im Namen dieser Labels Kriege geführt, Menschen hingerichtet und konfessionsverschiedene Ehen staatlich noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verhindert worden sind, spielten sie in meiner Lebenswelt glücklicherweise keine Rolle mehr. Als meine Welt etwas grösser wurde, kam ich in Berührung mit dem ABC der «-ist»-Labels wie Atheist, Buddhist, Christ – und den zahlreichen Unterlabels innerhalb dieser «Glaubensgruppen». Die einen zählen sich zu den «Erwachten», andere zu den «Erweckten», den «Woken» oder zumindest den «Achtsamen». Man ist also nicht nur, was man isst, sondern auch, was man -ist.
Labels der Leiden: -schaft
Dann wurde meine Welt um die «Labels der Liebe» ergänzt. Das erste Label für eine verbindliche Partnerschaft war die «Ehe». Ein Label wie «offene Beziehung» war in historisch patriarchal geprägten Gesellschaften noch unnötig – verstand es sich doch oft von selbst, dass der Hausherr auch Mätressen hielt. Das Privileg der Untreue kam damals ganz ohne Label aus. Mit der ökonomischen und gesellschaftlichen Emanzipation der Frauen brauchte die beiderseitige Freiheit ein neues Etikett. Das Label «offene Beziehung» war geboren. Weil aber nicht nur der Körper, sondern auch das Herz gerne mal auf der anderen Seite des Zaunes frisst, wurde ein weiteres Beziehungs-Label eingeführt: «Polyamorie». Die undefinierbaren Restposten werden unter dem Label «Situationship» zusammengefasst. Allerdings warnen Psychologen vor diesem Label ähnlich wie in einem amerikanischen Katastrophenfilm: «We’ve got a situation here!».Um dieses Beziehungs-Chaos passender zu labeln, haben sich auf TikTok inzwischen weitere Labels wie «Delusionship» oder «Imaginationship» etabliert. Diese stranden früher oder später meist als «Ghostship».
Labels der Politik: -ismus
Wie erwähnt, ist eine häufige Antwort von Experten auf komplexe Fragen: Es kommt darauf an. Eine häufige Antwort von Politikern auf dieselben Fragen ist: Es ist «Schwarz» – und wir kämpfen für «Weiss». Das liegt nicht zwingend daran, dass Politiker undifferenziert sind, sondern vielmehr an der «farbigen» Welt der Politik: Rot, Grün, Blau, Orange, «Braun», die den Fifty Shades of Grey der Welt nicht gerecht werden kann. Mit «Grau» gewinnt man keine Aufmerksamkeit – nicht in den klassischen Medien und schon gar nicht in den «sozialen» Medien. Eine politische Partei muss sich zu einer – und nur einer – Farbe bekennen, sonst riskiert sie das Label «Wischiwaschi»-Partei. Aus Angst vor einer allzu bunten Vielfalt birgt dieser Uniform-ismus jedoch die Gefahr, in einer schwarz-weissen Ideologie zu erstarren. Am Ende bleibt dann nur noch ein -ismus: der Fanat-ismus.
Energiespar-Labels
Sind nun Labels gut oder schlecht?
Vergleichen wir dazu das menschliche Gehirn mit dem künstlichen neuronalen Netzwerk einer KI:
Um einen Hund zu erkennen, muss ein KI-Modell mit riesigen Mengen an gekennzeichneten Hundebildern trainiert werden. Trifft eine KI auf einen bunten Hund, der in bisherigen Trainingsdaten nicht enthalten war, kann sie ins Halluzinieren geraten: Thinking Modus: Das Bild sieht aus wie ein Hund. Aber er ist bunt. Das muss ein Paradieshund sein. Antwort: «Diese Hunde findet man häufig in Hundeparadiesen.»
Im Gegensatz dazu ist unser Gehirn ein Meister der Verallgemeinerung. Wir erkennen einen Hund als Hund, selbst wenn er in der Realität nicht existiert: zu bunt, um wahr zu sein – und trotzdem zweifellos ein Hund. Unser Gehirn erkennt einen Hund nicht anhand einer starren Checkliste. Es bildet aus Erfahrungswerten ein flexibles Gesamtmuster und überträgt dieses auf neue Fälle: Thinking Modus: Das Bild sieht aus wie ein Hund. Aber er ist bunt. Egal. Antwort: «Das ist ein bunter Hund.»
Das hat einen grossen Vorteil: Unsere Art des verallgemeinernden «Labelings» ist extrem effizient. Unser Gehirn kommt mit mageren 20 Watt Leistung aus. Mit dem gigantischen Energiebedarf einer KI würde es unter der Schädeldecke bruzzeln.
Dieser kognitive Energiesparmodus hat allerdings seinen Preis: Er verführt dazu, die komplexe Welt in Schwarz und Weiss einzuteilen – ob als -ist, in einer -schaft oder unter einem -ismus.
Fazit
Ob Geschlecht, Beziehungsform oder Glaube: Labels ordnen die Welt, stiften Identität und Zugehörigkeit. Verharren wir jedoch im bequemen «Standby-Modus», schlägt ihr Nutzen in ein Paradoxon um: Sie machen den Menschen dahinter unsichtbar, grenzen jede Abweichung aus – und stiften am Ende jene Unordnung, aus der Konflikte erwachsen.
Man stelle sich nun vor, dass hin und wieder keiner hingeht. Dann bleibt am Ende nur ein einziges Label übrig: «Mensch». Das ist nicht nur friedlicher, sondern für unser Gehirn auch noch wohltuend energiesparend.
Mein Trainingsbeitrag an die KI, damit sie künftig bunte Hunde erkennen kann:

