Survival of the wittiest

Relativ abgründig

Der «Gantrisch-Rundweg» führt meine Wanderbegleiterin und mich über einen relativ steilen, aber breiten Pfad auf den Gipfel der Bürglen (2165 m). Das Wort relativ fällt unterwegs laufend: «Es sieht relativ steil aus. Wir gewinnen relativ rasch an Höhe.» Warum relativ: Es ist nicht überhängend, Reinhold Messner würde dieselbe Höhe vermutlich noch heute, mit bald 82 Jahren, in weniger als der Hälfte der Zeit erreichen – und unser Rundweg ist zwar im Gantrischgebiet, hat aber mit der geplanten Route relativ wenig zu tun.

Die Aussicht auf die umliegenden Bergketten und die Gipfel-Euphorie haben dann dennoch etwas «Absolutes». Mein Kopf ist in gewissen Situationen nicht ganz schwindelfrei – unter anderem auf Gipfeln mit steilen Abhängen. Deshalb halte ich jeweils lieber etwas Abstand zum Sog des Abgrunds und halte mich an die Warnung von Nietzsche: «Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.»

Während unserer Verpflegungspause auf dem Gipfel der Bürglen suche ich nach dem Fortsetzungspfad und stelle vermeintlich fest, dass – im Gegensatz zur Anzeige meiner Wander-App – kein weiterer Weg den Rundweg tatsächlich rund macht. Meine Wanderbegleiterin, die sich etwas näher an den Abgrund wagt, widerspricht und zeigt auf einen Pfad, der einer Absprungrampe für Basejumper gleicht. Das ist nun etwas übertrieben – aber auch da wieder: relativ.

Tote Hose

Wir «jumpen» los. Das Verb trifft es nicht ganz, aber «wandern» wäre kaum treffender. Wahrscheinlich trifft es «sliden» am besten – mal aufrecht, mal auf dem Hosenboden – nach dem Motto: Survival of the fittest, also überleben durch Anpassung – nicht durch Fitness, sonst wäre dieser «Wanderbericht» wohl nie entstanden. Einzig der Hosenboden hat die Anpassung nicht überlebt. Der Berg ruft: «Selber schuld». Mit «selber» meint er mich. Weil ich schon die Planung einer «entspannten» Wanderung entspannt angegangen bin, habe ich meine Wanderbegleiterin unbeabsichtigt auf einen «Survival-Trip» mitgenommen.

Galgenhumor

Nebst dem «Sliden» zwingt uns ein kurzer Abschnitt auch noch zum Klettern. Ein Rega-Helikopter kreist ein paar Mal in meinem Kopf. Und wie ich erfahre, auch im Kopf meiner Begleiterin. Trotzdem verweigern wir beide dessen Landung in der Realität und setzen stattdessen auf Galgenhumor. In der Talsohle beobachten uns Kühe in Gary-Larson-Manier mit Feldstechern und planen bereits ein BBQ:

«[…] Und dann lachte ich. Paradox vielleicht. Aber manchmal die einzige Stärke, die einem noch bleibt.» – Auszug aus dem Blog Lachend aus der «Todeszone» meiner Wanderbegleiterin bei der Verarbeitung der «entspannten Gantrisch-Rundwanderung».

Der Wille zum Weg

Meine Wanderbegleiterin zeichnet sich unter anderem durch zwei Dinge aus: Sie hat Galgenhumor – und sie ist Journalistin, kann also solche Erlebnisse schriftlich und lebhaft verarbeiten – und recherchieren. Dabei hat sie Folgendes zu unserer vom Weg abgekommenen Wanderroute in Erfahrung gebracht: «Schwierigkeitsgrad T3. Kein offizieller Wanderweg (sic!).» T3: «Die Wege sind oft schmal, steil, nicht immer durchgehend sichtbar und können ausgesetzte, absturzgefährdete Passagen beinhalten.»

Aber es scheint, als orientiere auch sie sich an Nietzsche: «Was mich nicht umbringt, macht mich stärker». In ihren Worten: «[…] Und wer selbst in der schwierigsten Situation den Humor nicht verliert, der hat etwas, was immer wichtiger wird: Resilienz.»

Nebst dem Humor besitzt meine Wanderbegleiterin – oder im folgenden Kontext besser «Weggefährtin» – auch die Fähigkeit, herausfordernden Situationen eine philosophische Ebene abzugewinnen: «Entwicklung braucht Bewegung. Und die entsteht immer aus dem nächsten Schritt. Wer ständig zurück schaut, sieht nicht, wohin er tritt. Und wer ständig weit nach vorne schaut, verpasst den Moment, den sicheren Tritt.»

Wir tun also gut daran, den Fokus auf das «Hier & Jetzt» zu legen. Was im Alltag nach Teebeutel-Philosophie klingt, wird in existenziellen Situationen elementar. Ansonsten blickt der Abgrund mit grossen Augen zurück.

Zurück ins «Hier & Jetzt»

Aber auch das Hier & Jetzt ist relativ – untrennbar verbunden mit Vergangenheit und Zukunft. Paradox: Weil wir uns in dieser «Nahtod»-Erfahrung so lebendig gefühlt haben, vergegenwärtigen wir sie im Hier & Jetzt – «Weisch no?» – und projizieren sie zugleich in die Zukunft, um sie im künftigen Hier & Jetzt zu vermeiden. Es scheint, als könne man ins Hier & Jetzt nur reinstolpern, um wirklich präsent zu sein. Vielleicht braucht es genau das: den ungeplanten Schritt, um überhaupt vorwärtszukommen – auf den Gipfel oder in den Abgrund.

Survival of the wittiest

Damit zuletzt nicht der Abgrund lacht, braucht es offenbar zwei Anpassungen: eine äussere, auf dem Hosenboden – und eine innere, die reissfester ist als jeder Stoff: Galgen(strick)humor.

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