Gelegentlich höre ich die Aussage: «Ich könnte ohne mein Smartphone, den Internetzugang oder die sozialen Medien nicht mehr leben». Das mag gefühlt zutreffen. Aber wenn wir uns darauf zurückbesinnen, was wir eigentlich sind – namentlich Säugetiere –, dann unterscheiden sich unsere Bedürfnisse nicht grundlegend von jenen unserer Haus- und Nutztiere. Was wir nicht nur zum Leben, sondern zum Überleben brauchen, ist: sauberes Trinkwasser, gesunde Nahrungsmittel und ein Dach über dem Kopf. Nebenbei vielleicht noch ein Feuer, über dem man mit Familie und Freunden ein gutes Stück Fleisch bruzzeln und etwas vergorenen Gersten- oder Traubensaft geniessen kann. Das «Nebenbei» unterscheidet uns dann auch wesentlich von der Kuh. Beim Kreislauf von Fressen und Gefressenwerden zieht sie, ausser vielleicht bei Gary-Larson-artigen Cartoons, immer den Kürzeren.
Was uns aber kaum von der Kuh unterscheidet, ist die geringe Überlebenschance nach drei bis fünf Tagen ohne Wasser und einigen Wochen ohne Nahrung. Und im Sinne des Zitats vom antiken Dichter Plautus «Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf» gilt auch für die Kuh: Nebst dem Menschen ist einzig der Wolf ein lebensbedrohliches Säugetier.
Pro Jahr werden in der Schweiz im Schnitt zwischen 40 und 50 Rinder von Wölfen getötet (Quelle: Agridea). Bei 50 gerissenen Rindern pro Jahr und einem Bestand von rund 1,5 Millionen Rindern beträgt das durchschnittliche Risiko für ein einzelnes Rind etwa 1 zu 30’000 pro Jahr. Anders gesagt: Ein bestimmtes Rind würde – rein statistisch und bei gleichbleibendem Risiko – im Mittel erst nach rund 30’000 Jahren von einem Wolf gerissen. Es stellt sich also die Frage, welches Rindvieh bei dieser statistischen Wahrscheinlichkeit 1,5-mal mehr Mittel für die Verteidigung gegen Wölfe als für die Sicherung der Lebensgrundlagen wie Trinkwasser und Nahrungsmittel einsetzen würde…
Der Bund budgetierte 2025 rund 5,56 Milliarden Franken für die Verteidigung und 3,637 Milliarden Franken für Landwirtschaft und Ernährung …
Bei den Ernährungsempfehlungen des Bundes gibt es einen Grund, warum Panzer und Kampfjets nicht aufgeführt werden. Sie liefern keinen Nährwert, fressen aber Treibstoff, Ressourcen und öffentliche Mittel. Dem kann entgegengehalten werden: «Aber im Fall der Fälle wären wir gerüstet.» Diese Logik leuchtet ein. Doch während wir Milliarden investieren, um uns gegen denkbare militärische Bedrohungen abzusichern, deckt unsere Ernährungsvorsorge bei unterbrochenen Lieferketten gerade einmal drei bis vier Monate ab. Welches Rindvieh rüstet sich also bis an die Glocken für den Tag X, riskiert aber, dass ihm nach wenigen Monaten das Futter ausgeht?
Die Magische Zahl
Kommen wir zur magischen Zahl: dem Selbstversorgungsgrad (SVG).
Die Definition nach dem Text im Abstimmungsbüchlein: «Der Selbstversorgungsgrad gibt an, welcher Anteil der im Inland konsumierten Lebensmittel auch im Inland produziert wird – gemessen in Kalorien.« Der Brutto-Selbstversorgungsgrad misst den Anteil der gesamten inländischen Nahrungsmittelproduktion am Gesamtverbrauch, während der Netto-Selbstversorgungsgrad jene tierischen Produkte abzieht, die mithilfe importierter Futtermittel erzeugt wurden. Der Netto-Selbstversorgungsgrad beträgt in der Schweiz im 3-Jahres-Mittel rund 45%.
Zum Vergleich die ungefähren Netto-Zahlen unserer Nachbarländer: Frankreich: 110% – 130%, Deutschland: 70% – 75%, Österreich: 80% – 90%, Italien: 75% – 80%.
Esst mehr Zucker!
Welches Produkt wird im Alltag fast schon gleichgesetzt mit Kalorien? Richtig: Zucker. Im Gegensatz zu Panzern und Kampfjets wird Zucker in den Ernährungsempfehlungen des Bundes zwar erwähnt, aber hauptsächlich mit Warnhinweisen. Schweizer Zucker wird hierzulande aus Zuckerrüben gewonnen und liefert, je nach Erntejahr, 14 bis 18% der gesamten inländischen Kalorienproduktion – im Gegensatz zum Gemüse mit gerade einmal 1 bis 1,5%. Bei den pflanzlichen Kalorienlieferanten weist einzig das Getreide einen höheren Anteil aus: 25 bis 30%, wovon jedoch über 40% als Futtergetreide enden. Zucker bleibt im Rennen um die Kalorien also ganz vorne dabei. Und woher kommt das Saatgut für die Zuckerrüben? Aus dem Ausland – zu 100%. Beim Gemüse stammt das Saatgut zu rund 90% aus dem Ausland – aber bezüglich SVG ist Gemüse ja sowieso irrelevant …
Nebenbei: In diesem Hitzesommer 2026 führten Dürre und Hitze zu spürbaren Ernteeinbussen von rund 20% bei Kartoffeln und 25 bis 30% bei Zuckerrüben im Vergleich zum langjährigen Schnitt. Wenigstens fiel die Getreideernte solide aus. Dennoch werden durchschnittlich 25–30% des Gesamtverbrauchs importiert.
Trinkt mehr Milch!
Der Brutto-Selbstversorgungsgrad (B-SVG) bei der Milch liegt bei ca. 106 bis 112%. Damit ist Milch die einzige landwirtschaftliche Hauptkategorie, in welcher die Schweiz rechnerisch mehr produziert als im Inland verbraucht wird. Ich wähle in diesem Fall bewusst den B-SVG, weil diese Produktionsmenge nur durch den Import von Kraftfutter möglich ist – das zu rund 60% importiert wird. Im Gegensatz zu den Kaffeevollautomaten, wo die Schweiz mit 70% Marktanteil am Weltmarkt führend ist, werden hierzulande keine Melkmaschinen produziert. In einem langanhaltenden Lieferengpass wäre also wieder Handarbeit gefragt. Nebenbei: Ob Maschine oder Bohne: Die Schweiz dominiert die globale Kaffeewelt. Auf den Feldern der Eidgenossenschaft wächst zwar keine einzige Kaffeepflanze, doch Schweizer Firmen bauen nicht nur Vollautomaten, sondern kontrollieren auf den Handelsdrehscheiben Genf und Zug auch bis zu 80 Prozent des weltweiten Rohkaffeehandels.
Damit Sie fortfolgend nicht nur einen kalorienarmen Zahlensalat serviert bekommen, kürze ich etwas ab und zitiere aus einem Artikel im Beobachter, März 2023:
«Doch warum werden beim Netto-Selbstversorgungsgrad eigentlich nur die Futtermittelimporte, nicht aber all die anderen Vorleistungen eingerechnet? Das Bundesamt für Landwirtschaft hat eine verblüffend ehrliche Antwort: weil der Selbstversorgungsgrad dann gegen null tendieren würde.»
In der Bundesverfassung in Art. 102 zur Landesversorgung steht wortwörtlich:
Der Bund stellt die Versorgung des Landes mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen sicher für den Fall machtpolitischer oder kriegerischer Bedrohungen sowie in schweren Mangellagen, denen die Wirtschaft nicht selbst zu begegnen vermag. Er trifft vorsorgliche Massnahmen.
Zugegeben, ich bin kein Jurist, der in diesem kurzen Artikel einen unergründlichen Interpretationsspielraum sieht. Aber welchen Teil habe ich nicht begriffen?
Es ist ja nicht so, dass der Bund nichts tut. Aber die jüngste Vergangenheit hat uns gelehrt, dass scheinbar Unmögliches plötzlich möglich wird: dass durch eine Pandemie die Lieferketten unterbrochen werden, dass der Export von Nahrungsmitteln aus kriegsbetroffenen Ländern stark reduziert wird oder ganz wegfällt und dass Zolltarife trotz WTO von heute auf morgen willkürlich über den Haufen geworfen werden können. Rund 90% des importierten Gemüses wird aus der EU importiert. Was wäre, wenn aufgrund der Klimaerwärmung eine europaweite Missernte den Handel ausserhalb der EU oder sogar ausserhalb der nationalen Produktion zum Erliegen brächte? Das Wasserschloss Schweiz könnte mit einem bisher noch nicht etablierten Wassermanagement dem Wassermangel womöglich entgegenwirken – nur: Uns fehlt das Saatgut.
Und wieso fehlt uns das Saatgut?
Historisch betrieb die Schweiz öffentliche Züchtungsprogramme über agrarwissenschaftliche Bundesanstalten wie Agroscope. Ab den 1980er- und 1990er-Jahren zog sich der Bund im Zuge von Spar- und Liberalisierungsmassnahmen weitgehend aus der Züchtung von Gemüse, Beeren und Zierpflanzen zurück.
The big four
Rund die Hälfte des weltweiten – und in Europa sogar über 60 Prozent des kommerziellen Gemüsesaatguts – entfällt auf die vier grossen Konzerne Bayer, Syngenta, BASF und die Limagrain-Gruppe (zusammen mit Rijk Zwaan). Moment – war Syngenta nicht ein Schweizer Unternehmen? Doch. War es. Es wurde 2017 an ChemChina verkauft. Ausgelöst durch den Schock über den Verkauf dieses Vorzeigeunternehmens reichte der Walliser Mitte-Ständerat Beat Rieder eine parlamentarische Motion ein. Dies führte zu einer jahrelangen Debatte, an deren Ende das Parlament Ende 2025 das neue Investitionsprüfgesetz (umgangssprachlich: «Lex China») verabschiedete. Künftig müssen Übernahmen von sicherheitsrelevanten Schweizer Firmen durch ausländische Staatskonzerne vom Bund (SECO) bewilligt werden – im Fall von Syngenta kam diese Einsicht jedoch fast ein Jahrzehnt zu spät.
Und was hat ChemChina zu diesem Übernahmeangebot bewogen?
Saatgut: Mikrochips der Landwirtschaft
«Mikrochips der Landwirtschaft» – so bezeichnen chinesische Regierungsvertreter das Saatgut. Deshalb wollte sich die Führung in Peking durch die Übernahme von Syngenta den Zugriff auf westliche Spitzentechnologie sichern: patentiertes Saatgut, moderne Biotechnologie und hochwirksame Pflanzenschutzmittel.
«China muss seine Reisschüssel selbst in den Händen halten und sie vor allem mit Getreide aus eigenem Anbau füllen.» Diese Aufforderung ruft der chinesische Präsident Xi Jinping seinen Parteikadern regelmässig in Erinnerung. (Quelle: SRF)
Was also hat die Regierung in China begriffen, das unsere Regierung für illusorisch hält?
Zugegeben: China gilt nicht als demokratisches Vorzeigemodell. Aber in den vergangenen zehn Jahren hat China in mehreren Schlüsselbereichen historische Durchbrüche erzielt und seine Rolle als globale technologische, industrielle und geopolitische Grossmacht gefestigt. Zu den bemerkenswertesten Errungenschaften zählen die Beseitigung der extremen Armut, die globale Marktführerschaft bei Zukunftstechnologien sowie Grossprojekte in Raumfahrt und Infrastruktur.
Und unsere Regierung hält es für illusorisch, in unserem kleinen, innovativen Land mit der höchsten Patentdichte der Welt innerhalb von 10 Jahren einen Selbstversorgungsgrad von 70% anzustreben?
Für all jene, die wie ich den Wortlaut der in der Bundesverfassung zu ergänzenden Artikel üblicherweise nicht lesen, sei er hier nochmals erwähnt:
Art. 104a Abs. 1 Einleitungssatz und Bst. a, abis und c sowie Abs. 2 und 3
1 Zur Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln einschliesslich sauberen Trinkwassers schafft der Bund Voraussetzungen für:
a. die Sicherung der Grundlagen für die landwirtschaftliche Produktion, insbesondere des Kulturlandes, der Biodiversität und der Bodenfruchtbarkeit sowie die Förderung von natürlichem, samenfestem Saat- und Pflanzgut;
abis. die Sicherung der Grundwasserressourcen für die nachhaltige Trinkwassergewinnung;
c. eine auf den Markt ausgerichtete und zugleich nachhaltige, klimabewusste Land- und Ernährungswirtschaft;
2 Der Bund strebt einen Netto-Selbstversorgungsgrad von mindestens 70 Prozent an.
Zu diesem Zweck trifft er insbesondere Massnahmen zur Förderung einer vermehrt auf pflanzlichen Lebensmitteln basierenden Ernährungsweise und einer darauf ausgerichteten Land- und Ernährungswirtschaft.
3 Bund und Kantone richten ihre Subventionen, die Förderung von Forschung, Beratung und Ausbildung sowie andere staatliche Anreize so aus, dass sie den Bestimmungen nach den Absätzen 1 und 2 nicht zuwiderlaufen.
Und nun kommen wir zu den bestehenden Artikeln in der Bundesverfassung zur Ernährungssicherheit, Art. 104a:
Zur Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln schafft der Bund Voraussetzungen für:
a. die Sicherung der Grundlagen für die landwirtschaftliche Produktion, insbesondere des Kulturlandes;
b. eine standortangepasste und ressourceneffiziente Lebensmittelproduktion;
c. eine auf den Markt ausgerichtete Land- und Ernährungswirtschaft;
d. grenzüberschreitende Handelsbeziehungen, die zur nachhaltigen Entwicklung der Land- und Ernährungswirtschaft beitragen;
e. einen ressourcenschonenden Umgang mit Lebensmitteln.
Welchen Teil von «standortangepasst» und «auf den Markt ausgerichtet» verstehe ich nicht, wenn 60% des Kraftfuttermittels importiert, auf 60% der Ackerfläche Futtermittel produziert wird, in diesem Hitzesommer Raufutter nicht nur aus dem nahen Ausland, sondern auch aus Kanada importiert werden musste, der Bund das Schweizer Fleisch mit jährlich 5–6 Millionen Franken bewerben muss und der Agrargrenzschutz alleine für Rindfleisch gemäss einer Grundlagenstudie des Eidgenössischen Preisüberwachers eine Mehrbelastung für die Schweizer Konsumenten von über 400 Millionen Franken beträgt – und das, während 65% der pflanzlichen Lebensmittel importiert werden müssen …?
Die Ergebnisse einer Studie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), der ETH Zürich und der Ö+L GmbH belegen, dass die Schweizer Landwirtschaft genug produzieren könnte, um das ganze Land zu ernähren. Würde man die Rinder wieder artgerecht ausschliesslich mit Schweizer Gras füttern und das Ackerland direkt für pflanzliche Nahrungsmittel nutzen, liesse sich der Netto-Selbstversorgungsgrad von heute knapp 50% auf 70 bis über 100% steigern. Das Land könnte aus eigener Kraft fast zehn Millionen Menschen ernähren. Zwar würde die Schweizer Milchmenge dabei um rund 15 Prozent sinken, doch entspricht das gemäss der Studie exakt jenen heutigen Überkapazitäten, die der Bund bisher subventioniert auf die Märkte drücken muss.
Stundenlohn für die Milchproduktion: 8.30 Franken
Nun, dass der Bauernverband sich gegen die Initiative stellt, ist verständlich. Denn gemäss der Landwirtschaftlichen Gesamtrechnung des Bundesamts für Statistik (BFS) und Agristat entfällt rund die Hälfte des gesamten landwirtschaftlichen Produktionswerts auf die tierische Erzeugung. Damit gehen auch hohe Investitionskosten einher. Das führt wiederum dazu, dass der Stundenlohn für die Produktion von Spezial- und Ackerkulturen teilweise um ein Vielfaches höher ist als für die Milch- und Fleischproduktion. Eine Untersuchung der FHNW unter der Leitung von Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger und basierend auf Zahlen der Schweizerischen Forschungsanstalt Agroscope hat ergeben, dass der Stundenlohn in der Milchproduktion bei 8.30 Franken und in der Rindermast bei 7.90 Franken liegt. Bei der Mutterkuhhaltung seien es lediglich 4.30 Franken – trotz hoher Direktzahlungsanteile. Höher lägen die Erträge im Pflanzenbau mit Brotweizen (bei reduziertem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln) bei 35.30 Franken, knapp 56 Franken beim Zuckerrüben- und 73.60 Franken beim Rapsanbau. Dennoch ist es verständlich, dass Landwirte, die in Ställe und Automatisierung investiert haben, wenig ackerfähiges Land besitzen und von Direktzahlungen für Milch und Fleisch profitieren, ihre Tierbestände nicht einfach reduzieren und auf Pflanzenbau umstellen wollen und können. Die Initiative enthält deshalb folgenden Wortlaut: «Die nötigen Anpassungen der landwirtschaftlichen Produktion sind sozialverträglich auszugestalten und werden vom Bund finanziell unterstützt.»
M-SVG
Der Selbstversorgungsgrad beinhaltet nicht nur die landeseigene Produktion und technischen Produktionsmittel, sondern auch die menschlichen Ressourcen, die über das nötige praktische Know-how verfügen und diesen Beruf trotz hoher Belastung ausüben wollen – nennen wir es den «M-SVG». In der Schweiz sind Landwirtinnen und Landwirte sowohl von Burnouts als auch von Suiziden deutlich überdurchschnittlich im Vergleich zur Gesamtbevölkerung betroffen. Gemäss Studien der BFH-HAFL und der Universität Bern weisen Schweizer Landwirte im Vergleich zur übrigen männlichen Landbevölkerung ein um 25 bis 37 Prozent höheres Suizidrisiko auf. Bezüglich Burnout sind Landwirt:innen gemäss einer Studie von Agroscope und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW sogar doppelt so häufig betroffen wie die übrige Bevölkerung. Als Gründe nennt die Studie: Die finanzielle Situation, den allgemeinen Gesundheitszustand, Freizeitmangel und Zeitdruck sowie die enge Verflechtung von Arbeit und Familie und dadurch bedingte Konflikte.
Was wir also nicht wollen, ist ein «Bauernsterben» – nicht im strukturellen und schon gar nicht im wortwörtlichen Sinn. Und welches Mittel könnte dem entgegenwirken? Finanzielle Rahmenbedingungen, die es den Landwirt:innen erlauben, nicht täglich mit existenziellen Fragen konfrontiert zu sein. Ein Beispiel: Wissen Sie auswendig, wie viel Sie beim Grossverteiler für einen Liter Milch bezahlen? Pasteurisierte Voll-/teilentrahmte Milch im 1L-Tetrapack (Migros, Coop) kostet zwischen 1.35 und 1.85. In den Schweizer Milchpreisverhandlungen geht es in der Regel um 1 bis 4 Rappen pro Kilogramm Milch. Was für die Konsumenten nach «Peanuts» klingt, entscheidet bei einer nationalen Jahresproduktion von rund 3,3 Milliarden Kilogramm Milch über Dutzende Millionen Franken und über das Überleben von Betrieben. Die bereits zitierte Untersuchung der FHNW kommt zum Schluss, dass der Milchpreis im Durchschnitt von 2016 bis 2023 mindestens um 77% höher sein müsste, um ein angemessenes Einkommen zu ermöglichen.
Welches Rindvieh…
In diesen Tagen wurden die Mehrkosten für die F-35-Jets im Parlament debattiert. Aktuell rechnet die Schweiz mit einem Stückpreis von 213 Millionen pro Jet. Das sind immerhin rund 6% des Agrarbudgets des Bundes. Wenn man nun die Debatte um 30 vs. 36 Kampfjets miteinbezieht, dann wären wir schon bei über einem Drittel des Agrarbudgets. Welches Rindvieh …
Es ist kaum zu glauben: Keine politische Partei kann sich dazu durchringen, eine krisenresilientere Landesversorgung anzustreben. Welcher Kuhhandel wohl dahintersteckt? Dass die FDP die Prioritäten so setzt, wie sie sie eben setzt, erstaunt wenig. Dass die «Bauernpartei» SVP diese Prioritäten setzt, ist eigenartig «interessant». Und wo bleiben die Linken und Grünen? Oder wo bleiben die Stimmen der Jungsozialisten, die jüngst mit einer Erbschaftssteuer das Klima retten wollten?
Nehmen wir einmal an, dass die Erbschaftssteuer nicht an die «Schweizer Klimarettung», sondern an die Schweizer Ernährungssicherheit gebunden wäre. Beispielsweise bei einem Prozent der jährlich vererbten Summe von 100 Milliarden. Dieses Geld liesse sich gezielt in eine doppelte Transformation investieren:
Einerseits: in eine Landwirtschaft, die den Selbstversorgungsgrad stärkt, den Bauern marktgerechte Erlöse sichert und gemäss der bereits zitierten Studie von FiBL, ETH und Ö+L GmbH gleichzeitig die Klimaziele des Bundes bei den landwirtschaftlichen Treibhausgasen auf einen Schlag erfüllt. Hinzu kommt, dass der Bund aus Gesundheits- und Klimagründen maximal 2 bis 3 Portionen (rund 240 Gramm) Fleisch pro Woche empfiehlt – auf den Tellern der Schweizer Bevölkerung landen jedoch im Schnitt knapp 800 Gramm, also mehr als das Dreifache. Weiss die eine öffentliche Hand eigentlich, was die andere tut? Bundesrat und Parlament argumentieren damit, dass sie der Schweizer Bevölkerung nicht vorschreiben wollen, was sie essen soll. Das wird mit der Annahme der Initiative sowieso nicht passieren. Aber es ist zu hoffen, dass es nie mehr passieren wird, dass die Regierung der Bevölkerung vorschreibt, wie viel sie noch essen darf. Wollen wir bezüglich Ernährungssicherheit wirklich nur auf Hoffnung setzen?
Andererseits: in Forschung und Entwicklung für krisenfeste Vorleistungen – von Saatgut und standortangepassten Sorten über Dünger und Energie bis hin zum Pflanzenschutz. Und, im Sinne von «Schwerter zu Pflugscharen»: Landmaschinen statt Panzer.
Was wir den 150 Milliardären in der Schweiz dafür anbieten könnten: Nahrungsmittel in Zeiten, wo man mit Geld keine Nahrungsmittel mehr kaufen kann. Klingt das nicht nach Standortvorteil?
Und – um gleich auch noch die Neutralitätsinitiative mit an Bord zu holen: Welches Land kann auf Neutralität beharren in Zeiten, wo ernährungstechnisch eine totale Abhängigkeit zu anderen Staaten besteht?
Gewiss: Wie dieser Text liesse sich auch die Initiative noch feiner austarieren und um weitere Facetten ergänzen. Doch entscheidend ist, überhaupt erst die richtige Richtung einzuschlagen. Und genau das wird mit einem Ja zur Initiative angestrebt.
238 von 238 stimmenden Parlamentariern stimmten gegen diese Initiative. Um aber auch diesen Text philosophisch zu schliessen, zitiere ich Immanuel Kant: «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!»

